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MVA Pfaffenau - 1. Preis

Ausloberin: WKU - Wiener Kommunal-Umweltschutzprojektgesellschaft mbH / gemeinsam mit: ARGE Veselinovic / Resetarits / Gmeiner-Haferl, Freiraum: ZT Cordula Loidl-Reisch

EU-weiter Architektenwettbewerb, 1.Preis

High-Tech und Atmosphäre –
Betriebsgebäude einer Müllverbrennungsanlage

Die neue Müllverbrennungsanlage ist eine der modernsten Europas. Hocheffiziente Anlagentechnik erzeugt Fernwärme für 50000 Haushalte und Strom für 25000 Kunden pro Jahr. Die Emissionswerte unterschreiten dabei weit die geforderten Limits.
Eine dynamische Karosserie aus orangem Streckmetall mit Einschnitten und Akzentuierungen aus Glas und Metall, Brücken, Terrassen und Galerien transformiert die High-Tech-Anlage zu einem Landmark an einem durch Industrie und Verkehr geprägten Ort.
Die übergeordnete Großform gibt der Maschinerie eine elegante Projektionsfläche und fasst die technischen Anlagen und das Betriebsgebäude zusammen. Der Anlage vorgelagert prägt das Portiergebäude den Zugang.

Abgesehen von der Technik in ihren beeindruckenden Ausmaßen erfordert so ein Industriebetrieb qualitätsvolle Arbeits- und Präsentationsräume. Das Betriebsgebäude grenzt als Teil des Gesamtvolumens an zwei Seiten an die technischen Anlagen an. Zu den Anforderungen im Ablauf und den Sicherheitsbestimmungen des Betriebs definiert ein vielfältiger Nutzungsmix das Konzept des Gebäudes. Parallel zu Betrieb, Überwachung und Wartung der Anlage werden Besucher empfangen und informiert, sowie auch Forschung und Planung betrieben.
Mit sieben Etagen und 2 Galerieebenen sowie einer Firsthöhe von knapp 37m ist das Betriebsgebäude der Müllverbrennungsanlage nach örtlicher Bauordnungs-Definition bereits ein Hochhaus.

Im Entwurf wurde großes Augenmerk auf die Wegeführung im Gebäude gelegt, um die verschiedenen Bewegungen im Inneren zu führen aber auch flexibel zu halten.
Der Weg der Besucher beginnt im Atrium des Portiergebäudes, führt über einen mit Glas gedecktem Steg vorbei an der Brückenwaage und über die Einfahrt in die Empfangsebene des Betriebsgebäudes. Von deren frei geformten Galerie gleitet der Blick zwei Etagen nach unten zur Halle der Betriebs- und Sozialräume. Erste Station ist der zum Empfang hin transparente Schulungsraum, wo zunächst in Vorträgen und mit Filmen über die Anlage informiert wird, bevor es mit dem Panoramalift in die Warte geht. Dort bekommen die Besucher mit einem Blick aus der Krankanzel – deren Höhe mit fast 24m unter anderem eine Vorgabe für die Gesamtgebäudehöhe war - einen Eindruck von den Dimensionen des Müllbunkers und dessen Inhalt, und werden dann weiter über das Haupttreppenhaus in die anschließenden Anlagenteile geführt. Der Schulungsraum ist nahezu vollständig zur Empfangsebene hin öffenbar. Das Zusammenspiel dieser beiden Räume bietet Gelegenheit für eine Vielzahl von Veranstaltungen.
Die Wege der Mitarbeiter führen vom Erdgeschoss über zwei Treppenhäuser in die verschiedenen Arbeits- und Sozialbereiche. Diese beiden Erschließungen ermöglichen verschiedene Verknüpfungen innerhalb des stark vertikal organisierten Gebäudes und den drei differenzierten Nutzungen, ohne Störungen für den jeweiligen Tätigkeitsbereich.

Sichtbeziehungen nach außen und innerhalb des Gebäudes machen die Wege zu einem Raumerlebnis. Analog zur Schichtung von Umhüllung und Anlagenteilen schichten sich im Inneren Galerien, Treppen, lichtdurchlässige Innenfassaden und Raumtrennungen zu einem spannenden Raumgefüge. Diese Abfolge der Räume und Elemente holt zudem geschickt das Licht bis tief ins Innere des Gebäudes hinein – bei einem 16m tiefen und 30 bzw. 52m langen Gebäude mit nur zweiseitiger Belichtungsmöglichkeit eine elegant bewältigte Herausforderung!

Bewegte Linien in der Horizontalen, klare Flächen in der Vertikalen bestimmen die Erscheinung der Innenräume. Sichtbeziehungen zwischen mehreren Gebäudeebenen formen interessante Innenräume, leiten das Licht und machen das Gebäude dreidimensional begreifbar. Hart - weich, rau -glatt, roh - veredelt - diese Kontraste bei der Materialwahl erzeugen eine anregende Haptik inmitten der bewussten Anknüpfung an die High-Tech-Wirklichkeit der Müllverbrennungsanlage. Die Farbe der Corporate Identity der örtlichen Müllbetriebe – Orange - leuchtet durch eingefärbtes Glas quasi von der Außenhaut ins Innere und erzeugt wiederum Kontraste zu den in den Materialien reduzierten Oberflächen - Beton, silbrige Metallflächen, Glas. Mit dunkelrotem Kunstleder bekleidete Wände geben den Besucher- und Meetingräumen eine schlichte Noblesse.

Grosse Aufmerksamkeit wurde in der Planung und Ausführung auf das Zusammenspiel der Raum- und Wandelemente gelegt, die in Ihrer Herstellung verschiedensten Größen und Rastermassen folgen. Auf die Gesamterscheinung abgestimmte Beleuchtungskörper und ins Raumkonzept integrierte Lüftungstechnik sowie akustische Maßnahmen machen die Innenräume zu einer ausgewogenen Komposition mit High-Tech-Relation und Atmosphäre.

Nicht nur die Farbe Orange verbindet Außen und Innen. Kiemenförmig eingeschnittene Fensterbänder markieren außen das Betriebsgebäude und führen im Inneren die Dynamik der Außenhülle fort. Schräge Dachlinien der Umhüllung formen innen spannungsreiche Räume deren Fortsetzung in der Anlage durch großzügige Öffnungen wahrgenommen werden kann.
Zur Stadtseite hin gibt die voll verglaste Fassade einen grandiosen Ausblick frei. Auf zwei Terrassen können die Mitarbeiter der Müllverbrennungsanlage das Stadt- und Anlagenpanorama in luftiger Höhe genießen.
Lichte Arbeits- und Kommunikationsräume, durch die Einfassung der Fensterbänder baulich verschattete und blendfreie Arbeitsplätze, schaffen in mehreren Beziehungen ein gutes Arbeitsklima. Die Arbeitsräume im Sockelbereich des Betriebsgebäudes sind in sonniges Licht getaucht, wobei klare Sichtfelder auch ungefärbte Ausblicke eröffnen.

Die Fortführung industrieller Anmutung im Kontrast mit ausgewählten veredelten Oberflächen wurde konsequent im gesamten Betriebsgebäude durchgearbeitet und ausgeführt. Das schafft eine ansprechende Atmosphäre, die die tägliche Arbeit ebenso wie den interessierten Besuch unaufdringlich aber genuin begleitet und somit den Blick auf die Funktion der Anlage, sowohl in den tatsächlichen Sichtverbindungen als auch in der Wahrnehmung des Gebauten, befördert.